Elon Musks neue Machtkonstellation: Was die Übernahme von xAI durch X bedeutet

31.03.2025
von Jörg Schieb

Elon Musk stärkt seine digitale Macht weiter: Der Kurznachrichtendienst X, ehemals Twitter, hat die KI-Firma xAI übernommen. Was auf den ersten Blick wie ein Schachzug innerhalb des Musk-Imperiums wirkt, könnte weitreichende Folgen für die digitale Öffentlichkeit haben. Zeit für eine Einordnung.

Der Deal: X schluckt xAI

Die Übernahme kam nicht gänzlich überraschend. Schon seit Monaten gibt es enge Verbindungen zwischen X und xAI, der KI-Firma, die Musk im Juli 2023 gründete. Nun werden aus losen Fäden feste Strukturen: X (ehemals Twitter) hat xAI vollständig übernommen. Konkret bedeutet das: Der Kurznachrichtendienst, der täglich von rund 250 Millionen Menschen genutzt wird, kontrolliert nun direkt „Grok“ – den Chatbot, den Musk als Alternative zu ChatGPT positioniert hat.

Grok3: Elon Musks KI-Unternehmen xAI hat eine leistungsfähige Version seines Chatbot vorgestellt
Grok3: Elon Musks KI-Unternehmen xAI hat eine leistungsfähige Version seines Chatbot vorgestellt

Die Daten-Goldgrube: Wie X das Training von Grok befeuert

Die Übernahme hat eine entscheidende technische Dimension: Der direkte Zugriff auf die Datenschätze von X. Bereits bisher konnte Grok auf öffentliche X-Beiträge zugreifen, doch die vollständige Integration in die X-Plattform hebt diesen Zugang auf eine neue Ebene.

Für KI-Systeme wie Grok sind Trainingsdaten der Schlüssel zum Erfolg. Je mehr relevante Daten, desto besser kann das System Sprache verstehen und erzeugen. X bietet hier einen unschätzbaren Vorteil: Eine riesige Menge an täglichen Konversationen zu aktuellen Themen, Trends und Ereignissen. Diese Daten ermöglichen es Grok, aktueller zu sein als Konkurrenten, die auf statische Datensätze angewiesen sind.

Besonders wertvoll: X bildet Konversationen in Echtzeit ab. Das bedeutet, Grok kann nicht nur Fakten lernen, sondern auch, wie Menschen über bestimmte Themen sprechen, welche Argumente sie verwenden und wie sich Diskussionen entwickeln. Diese Konversationsdynamik ist für das Training fortgeschrittener Sprachmodelle besonders wertvoll.

Die neue Macht des Elon Musk

Die Übernahme stärkt Musks Position erheblich. Schon bisher kontrollierte der Tech-Milliardär beide Unternehmen, aber die formelle Trennung stellte zumindest theoretisch eine gewisse Unabhängigkeit sicher. Mit der vollständigen Integration fallen diese Grenzen.

Musk kann nun noch direkter Einfluss darauf nehmen, wie Informationen auf X präsentiert und von Grok verarbeitet werden. Seine Vorstellungen davon, welche Inhalte problematisch sind und welche nicht, können unmittelbarer in beide Systeme einfließen. Das ist bemerkenswert, denn Musk hat in der Vergangenheit nicht mit kontroversen Positionen gespart – sei es zu Themen wie Corona, Politik oder Künstlicher Intelligenz selbst.

Der Multimilliardär hat wiederholt behauptet, für absolute Meinungsfreiheit einzutreten. Kritiker werfen ihm jedoch vor, dass er diese Freiheit selektiv auslegt und besonders seine eigenen Positionen bevorzugt. Die neue Struktur gibt ihm nun die Möglichkeit, seinen Einfluss auf die digitale Öffentlichkeit weiter auszubauen – ohne lästige Zwischenschritte.

Seitdem Elon Musk bei Twitter/X das Sagen hat, hat sich eine Menge verändert
Seitdem Elon Musk bei Twitter/X das Sagen hat, hat sich eine Menge verändert

Ein KI-System mit Schlagseite?

Besonders brisant: Grok unterscheidet sich bereits jetzt von anderen KI-Systemen durch einen deutlich freizügigeren Umgang mit kontroversen Themen. Während OpenAI und andere Anbieter ihre Systeme mit Schutzmaßnahmen versehen, die bestimmte Arten von Inhalten einschränken, wirbt Musk für Grok explizit mit weniger Einschränkungen.

Die direkte Verbindung zu X könnte diese Tendenz verstärken. Wenn X bestimmt, welche Inhalte für das Training von Grok verwendet werden, und gleichzeitig Musk bestimmt, welche Inhalte auf X florieren, entsteht ein sich selbst verstärkender Kreislauf. Das Risiko: Eine KI, die bestimmte Weltanschauungen und Vorurteile reproduziert und verstärkt.

Die wirtschaftliche Dimension

Jenseits der gesellschaftlichen Aspekte gibt es natürlich auch eine wirtschaftliche Dimension. X kämpft seit der Übernahme durch Musk mit Umsatzeinbrüchen bei der Werbung. Die Integration einer fortschrittlichen KI könnte neue Einnahmequellen erschließen – sei es durch Premium-Funktionen, Businessanwendungen oder neue Werbeformate.

Gleichzeitig entsteht ein engeres Ökosystem, das Nutzer stärker binden könnte. Wer Grok nutzen will, wird künftig vermutlich noch stärker an X gebunden sein. In einer digitalen Welt, in der Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist, könnte das ein entscheidender Vorteil sein.

Was bedeutet das für die digitale Öffentlichkeit?

Die Zusammenführung von Social Media und KI unter einem Dach ist mehr als ein wirtschaftlicher Schachzug – es ist ein Experiment mit der digitalen Öffentlichkeit. X ist längst nicht mehr nur eine Plattform für Tweets, sondern ein zentraler Ort für öffentliche Debatten, Nachrichtenverbreitung und politischen Diskurs.

Wenn diese Plattform nun direkt mit einer KI verzahnt wird, die aus diesen Debatten lernt und wiederum neue Inhalte erzeugt, entsteht eine neue Form der Informationsverarbeitung. Die Frage ist: Wer kontrolliert diesen Prozess? Nach der neuen Struktur lautet die Antwort klarer denn je: Elon Musk.

Für Nutzer, Gesellschaft und Regulierungsbehörden bedeutet das: höchste Aufmerksamkeit ist geboten. Die Macht, die hier entsteht, ist neuartig und ihre Auswirkungen sind schwer vorherzusagen. Was wir mit Sicherheit sagen können: Die ohnehin schon große Bedeutung von Elon Musk für die digitale Öffentlichkeit wächst weiter – mit allen Chancen und Risiken, die das mit sich bringt.