Streaming war lange ein Rückzugsort für progressive Inhalte – doch jetzt ändert sich das. Seit Donald Trumps Wiederwahl verschwinden „woke“ Serien und Filme aus den Katalogen, während konservative Werte an Bedeutung gewinnen. Ist das nur eine wirtschaftliche Entscheidung oder geben Netflix, Disney+ & Co. dem politischen Druck nach? Ein Blick hinter die Kulissen des neuen Kulturkampfs im Streaming.
Diversität auf dem Rückzug – politischer Druck als Gamechanger?
Streamingdienste wie Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video haben sich in den letzten Jahren als Vorreiter für Diversität und Inklusion präsentiert. Doch seit der Wiederwahl von Donald Trump im Januar 2025 scheint sich der Wind zu drehen.
Plötzlich verschwinden „woke“ Inhalte, während konservative Werte in den Vordergrund rücken. Ist das ein natürlicher Wandel im Streaming-Geschäft – oder knicken die Unternehmen unter politischem Druck ein?
Woke oder anti-woke? Der Kampf um kulturelle Vorherrschaft
Kaum ein anderes Thema spaltet die Gesellschaft so stark wie die sogenannte „Woke-Kultur“. Während die einen sie als Fortschritt in Richtung Gleichberechtigung und Inklusion sehen, kritisieren andere sie als übertriebenen Moralismus oder sogar als Zensur konservativer Werte.
Unter der Trump-Regierung bekommt diese Debatte eine neue Dynamik. In den USA arbeitet ein Netzwerk konservativer Think Tanks – allen voran die Heritage Foundation mit ihrem „Projekt 2025“ – gezielt darauf hin, progressive Entwicklungen der letzten Jahre zurückzudrehen. Ihr Ziel: Eine Renaissance traditioneller, konservativer Werte in Politik, Wirtschaft und Medien. Besonders im Fokus stehen Streamingdienste, die in den letzten Jahren Diversität in ihre Inhalte integriert haben.
Und tatsächlich: Seit Trumps Amtsantritt sind bereits deutliche Veränderungen in der Streaming-Landschaft zu beobachten.
Disney+: Rückkehr zu klassischen Werten?
Disney+ war jahrelang ein Vorreiter für Diversität in Hollywood. Klassiker wie Dumbo oder Peter Pan wurden mit Hinweisen auf problematische Darstellungen versehen, und neue Produktionen setzten verstärkt auf LGBTQ+-Charaktere und kulturelle Vielfalt.
Doch seit Anfang 2025 vollzieht Disney einen Strategiewechsel:
• Warnhinweise entfernt: Die Hinweise auf rassistische oder stereotype Darstellungen in älteren Filmen wurden gestrichen. Stattdessen wird nur noch darauf hingewiesen, dass der Film „in seiner ursprünglichen Fassung“ gezeigt wird.
• Diversity-Abteilung aufgelöst: Die „Diversity, Equity & Inclusion“-Abteilung (DEI), die für diskriminierungssensible Inhalte zuständig war, wurde aufgelöst.
• Keine Finanzierung für diverse Projekte: Disney hat mehrere Serien und Filme mit LGBTQ+- oder Minderheitenfokus eingestellt.
Disney-Chef Bob Iger begründet diesen Kurs mit wirtschaftlichen Überlegungen. Kritikern zufolge gibt er jedoch dem Druck konservativer Gruppen nach, die in republikanisch regierten Bundesstaaten Disneys Steuervergünstigungen infrage stellen.
Amazon Prime Video: Trump im Rampenlicht
Amazon Prime Video geht einen anderen Weg. Der Streamingdienst hat sich nicht so stark zur „Woke-Kultur“ bekannt wie Disney+, dennoch sind auch hier Veränderungen sichtbar.
• „The Apprentice“ wieder im Programm: Die Reality-Show, in der Donald Trump als knallharter Geschäftsmann auftrat, ist wieder verfügbar – genau zu dem Zeitpunkt, an dem Trump erneut ins Weiße Haus eingezogen ist.
• Mehr konservative Stimmen: Politische Satiren oder gesellschaftskritische Dokumentationen, die Trump und die Republikaner kritisch beleuchten, sind seltener geworden.
Amazon scheint nicht direkt Inhalte zu streichen, setzt aber bewusst auf Programme, die Trumps Image stärken und ein konservativeres Publikum ansprechen.
Netflix: Balanceakt zwischen Wokeness und konservativen Strömungen
Netflix versucht, es sich nicht mit einer der beiden Seiten zu verscherzen. Der Streamingdienst hat in den letzten Jahren stark auf Diversität gesetzt – doch auch hier gibt es Anzeichen für eine Kurskorrektur:
• Comedy-Specials mit umstrittenen Künstlern: Tony Hinchcliffe, der für rassistische Äußerungen bekannt ist, bekam kürzlich ein neues Special auf Netflix. Eine bewusste Entscheidung gegen „Cancel Culture“?
• Progressive Serien verschwinden: Serien mit LGBTQ+-Fokus oder gesellschaftskritische Formate werden zunehmend still und leise aus dem Katalog entfernt. Besonders betroffen sind Jugendserien mit diverser Besetzung.
Netflix scheint sich nicht so stark wie Disney oder Amazon Prime Video anzupassen – aber auch hier zeigt sich eine Veränderung in der Strategie.
Kulturkampf auf Kosten der Zuschauer?
Diese Entwicklung wirft eine zentrale Frage auf: Passen sich Streamingdienste lediglich an die Wünsche ihres Publikums an – oder reagieren sie auf politischen Druck?
Befürworter des „anti-woken“ Kurses argumentieren, dass Unternehmen sich an wirtschaftlichen Realitäten orientieren. Streamingdienste wollen ein möglichst breites Publikum erreichen und riskieren keine Abonnentenverluste durch kontroverse Inhalte. Schließlich haben sich in den letzten Jahren auch konservative Zuschauer zunehmend über die starke „Wokeness“ beschwert.
Kritiker hingegen sehen darin eine gefährliche Tendenz: Inhalte, die soziale Gerechtigkeit, Diversität oder LGBTQ+-Themen behandeln, könnten langfristig aus den Streamingangeboten verschwinden. Doch Filme und Serien sind nicht nur Unterhaltung – sie prägen das gesellschaftliche Bewusstsein. Wenn bestimmte Stimmen und Perspektiven aus den Medien gedrängt werden, könnte das dazu führen, dass gesellschaftliche Debatten verarmen und Minderheiten wieder weniger Sichtbarkeit erhalten.
Was bleibt? Ein ungewisser Ausblick
Die kommenden Monate werden zeigen, wie sich die Streamingbranche weiterentwickelt. Werden Netflix, Disney+ und Amazon Prime Video ihren neuen Kurs beibehalten? Oder führt der öffentliche Druck dazu, dass sie doch wieder verstärkt auf Vielfalt setzen?
Fest steht: Die Zeiten, in denen Streamingdienste einfach nur Unterhaltungsplattformen waren, sind längst vorbei. Sie sind zu Akteuren in einem Kulturkampf geworden, der weit über die Film- und Serienwelt hinausgeht.