Seit Elon Musks Übernahme von Twitter im Oktober 2022 hat sich die Plattform X dramatisch gewandelt. Nach über drei Jahren radikaler Veränderungen analysieren wir die aktuellen Entwicklungen und helfen euch bei der Entscheidung, ob X noch eine brauchbare Social-Media-Option ist.
X 2026: Die Super-App ist noch nicht da
Musks Vision einer „Alles-App“ wie WeChat ist bis heute nur teilweise umgesetzt. Zwar gibt es mittlerweile X Premium+, Zahlungsfunktionen in den USA und erweiterte Creator-Tools, doch die große Revolution blieb aus. Stattdessen kämpft die Plattform mit grundlegenderen Problemen: Nach mehreren großen Ausfällen 2024 und 2025 ist die technische Stabilität weiterhin fragwürdig.
Die Nutzerzahlen sprechen eine klare Sprache: Während X offiziell noch von 400 Millionen aktiven Nutzern spricht, schätzen Analysten die tatsächliche Zahl deutlich niedriger ein. Viele Power-User sind zu Alternativen abgewandert, wodurch sich das Diskursniveau spürbar verschlechtert hat.
Moderation: Chaos mit System
Die drastischen Personalkürzungen von 2022 wirken bis heute nach. Das verbliebene Moderations-Team ist hoffnungslos überlastet, was zu bizarren Entscheidungen führt: Während harmlose Memes gelöscht werden, bleiben eindeutige Hasspostings oft tagelang online. Der Community-Notes-Ansatz, bei dem Nutzer selbst Faktenchecks beisteuern, funktioniert nur bei viral gehenden Inhalten – der große Rest bleibt ungeprüft.
Besonders problematisch: Bot-Accounts haben massiv zugenommen. Trotz kostenpflichtiger Verifizierung über X Premium (mittlerweile 12 Euro monatlich) sind Fake-Profile leicht zu erstellen. Kriminelle nutzen gestohlene Kreditkarten für die Verifikation, wodurch das blaue Häkchen seinen Vertrauenswert völlig verloren hat.
Die EU hat bereits mehrfach mit Sperrungen gedroht. Der Digital Services Act fordert strengere Moderation – X laviert zwischen Compliance und Musks „Free Speech Absolutismus“ hin und her. Erste Geldstrafen sind bereits verhängt worden.
Werbetreibende im Exodus – neue Finanzierungswege
Der Werbeeinbruch war dramatischer als erwartet: Laut internen Dokumenten sind die Werbeeinnahmen um über 70% eingebrochen. Große Marken wie Disney, Apple und BMW haben ihre Budgets dauerhaft gestrichen. Musks öffentliche Ausfälle gegen Werbetreibende („Go fuck yourself“-Kommentar auf einer Konferenz 2023) haben das Vertrauen nachhaltig zerstört.
Als Reaktion setzt X verstärkt auf Abonnements und Creator-Monetarisierung. Das Premium+-Abo für 18 Euro monatlich verspricht eine „werbefreie“ Erfahrung – die aber nur teilweise eingehalten wird. Content Creator können über das Partner-Programm Geld verdienen, doch die Auszahlungen sind unberechenbar und oft verspätet.
Neue Features: Mehr Schein als Sein
X Audio und Video Calling sind da, funktionieren aber mäßig. Die Qualität liegt deutlich hinter WhatsApp oder Zoom zurück. Grok, die hauseigene KI, ist in Premium+ integriert, liefert aber oft unbrauchbare oder veraltete Antworten. Die viel beworbene Integration mit Tesla und Starlink beschränkt sich auf Marketing-Gags.
Immerhin: Die Zeichen-Begrenzung wurde auf 25.000 Zeichen für Premium-Nutzer erhöht, und die Video-Upload-Qualität hat sich verbessert. Doch diese Features nutzen hauptsächlich zahlende Nutzer – der Großteil der Community bleibt außen vor.
Datenschutz: Transparenz war gestern
Hier wird es wirklich kritisch. X nutzt mittlerweile alle öffentlichen Posts zum Training der Grok-KI – ohne explizite Zustimmung. Die Datenschutzerklärung wurde 2024 stillschweigend geändert, um mehr Datensammlung zu erlauben. Besonders bedenklich: Auch Direktnachrichten werden analysiert, angeblich nur für „Sicherheitszwecke“.
Die DSGVO-Compliance ist fragwürdig geworden. Nutzerrechte wie Datenportabilität funktionieren oft wochenlang nicht. Löschanträge werden verschleppt oder ignoriert. Datenschützer raten dringend davon ab, sensible Informationen über X zu teilen.
Die Alternativen haben aufgeholt
Threads von Meta hat mittlerweile 200 Millionen aktive Nutzer und funktioniert stabil. Die Integration mit Instagram macht den Einstieg leicht, die Moderation ist konsequenter. Bluesky, das dezentrale Twitter-Alternative, wächst rasant und bietet echte Nutzer-Kontrolle über Algorithmus und Feeds.
Mastodon bleibt die erste Wahl für Datenschutz-Bewusste. Mit über 15 Millionen Nutzern ist eine kritische Masse erreicht. Besonders in Deutschland und Europa findet man mittlerweile alle relevanten Accounts und Diskussionen.
LinkedIn hat sein Angebot für allgemeine Diskussionen massiv ausgebaut und lockt viele ehemalige Twitter-User an. Selbst TikTok experimentiert mit text-basierten Posts und könnte zur ernsthaften Konkurrenz werden.
Community-Qualität im freien Fall
Das größte Problem von X ist mittlerweile die Community selbst. Viele Journalisten, Wissenschaftler und Experten haben die Plattform verlassen. Zurück bleibt oft der toxische Rest: Verschwörungstheoretiker, Trolle und Bot-Netzwerke dominieren viele Diskussionen.
Der Algorithmus verstärkt kontroverse Inhalte, weil sie mehr Engagement erzeugen. Sachliche Diskussionen gehen unter, Outrage-Content wird gepusht. Studien zeigen: Die durchschnittliche Diskussionsqualität auf X ist deutlich schlechter als auf anderen Plattformen.
Musks politische Instrumentalisierung
X ist zunehmend Musks persönliches Sprachrohr geworden. Seine politischen Posts werden algorithmisch bevorzugt, kritische Antworten gedrosselt. Diese Vermischung von Plattform-Macht und persönlicher Agenda ist demokratiepolitisch bedenklich.
Besonders vor Wahlen wird X zur Propaganda-Maschine. Fact-Checker berichten von koordinierten Desinformations-Kampagnen, die ungehindert laufen. Regulierungsbehörden mehrerer Länder prüfen bereits Gegenmaßnahmen.
Solltet ihr X noch nutzen?
Die ehrliche Antwort: Für die meisten Nutzer gibt es bessere Alternativen. X funktioniert nur noch in sehr spezifischen Bereichen gut – etwa für Krypto-Trading-Diskussionen oder Musk-Fanboys. Für normale Social-Media-Bedürfnisse ist die Plattform zu unzuverlässig und toxisch geworden.
Falls ihr dennoch dabei bleiben wollt: Nutzt Premium+ (anders ist die Plattform kaum erträglich), blockiert aggressiv problematische Accounts und verlasst euch nie auf X als einzige Informationsquelle. Aktiviert alle Datenschutz-Einstellungen und überlegt zweimal, bevor ihr persönliche Informationen teilt.
Ausblick: Das Ende einer Ära?
X ist das Paradebeispiel dafür, wie schnell eine dominante Plattform abstürzen kann. Was als Twitter ein wichtiges demokratisches Diskussionsforum war, ist zu einer dysfunktionalen Echo-Kammer verkommen.
Die Zukunft gehört wahrscheinlich dezentraleren, nutzer-kontrollierten Plattformen. X könnte als Warnung in die Geschichte eingehen: Was passiert, wenn Tech-Milliardäre ihre persönlichen Obsessionen über das Gemeinwohl stellen.
Unser Rat: Macht euch nicht abhängig von einer einzigen Plattform. Diversifiziert eure Online-Präsenz, probiert Alternativen aus und unterstützt Plattformen, die eure Werte teilen. Das Internet ist groß genug für bessere Alternativen zu X.
Zuletzt aktualisiert am 16.02.2026